29.01.2023 12:25

zuletzt geändert am 23.01.2023

Droht der Klimaschutz durch die gegenwärtige Klimapolitik zu scheitern? Dafür spricht einiges, denn man muss kein Experte sein, um die Folgen der gegenwärtigen Energiebeschaffung als Katastrophe für die Staatsfinanzen und die Klimaerwärmung einzustufen. Man kann sogar zur Schlussfolgerung gelangen, dass die Abkehr vom Bezug russischen Gases eine historische Fehlentscheidung war. Wenn man allerdings akzeptiert, dass der Bruch mit Moskau wegen des Überfalls auf die Ukraine alternativlos war, so muss man die Fehlentscheidung akzeptieren.

Aber war das zwingend notwendig?

Folgen der Gaspreisentwicklung

Russland exportierte 2021 laut Statista 241 Milliarden Kubikmeter Gas. Deutschland bezog 55 Milliarden, d.h. rund 23 Prozent. Wäre dies für Russland rein hypothetisch ein Totalausfall, so müsste Russland für den Rest des Gasexports (186 Milliarden) einen um rund 30 Prozent höheren Verkaufspreis erzielen. Der Gaspreis stieg aber nicht um 30 Prozent, sondern um etwa das Dreifache (eine genaue Festlegung ist wegen der enormen Preisschwankungen wie im Bild dargestellt unmöglich).

Klimapolitik droht zu scheitern, Gaspreis russisch LNG Erdgas
Entwicklung der Gaspreise seit 2018
Quellen: International Monetary Fund, Global price of LNG, Asia [PNGASJPUSDM], retrieved from FRED, Federal Reserve Bank of St. Louis; , December 17, 2022. Index Mundi: Rohstoffpreis russisches Erdgas, (beide Preise in USD/Million BTU), Finanzportal boerse.de, Erdgaspreis (USD/m3).

Mit dem Ausstieg aus russischem Gas hat man demzufolge Russland finanziell nicht geschadet, sondern den globalen Marktpreis in die Höhe getrieben. Es ist natürlich nicht beweisbar, was den exorbitanten Preisanstieg verursachte: der Krieg, die Angst, die Sanktionen, unsinnige Gas-Einkaufspolitik, kapitalistische Gewinnmaximierung, drohende Rohstoffverknappung oder von allem etwas?

Eine schlechte Bilanz

Es stellt sich somit die Frage: wären der Verzicht auf Sanktionen und der fortgesetzte Bezug von russischem Gas nicht doch wesentlich klüger gewesen? Hätte man die Zeitenwende nach dem ersten Schock nicht besser ausgestalten können? Wer weiß, ob es nicht möglich gewesen wäre, Russland einerseits durch massive Unterstützung der Ukraine hart zu bekämpfen, aber andererseits die Wirtschaftsbeziehungen so weit wie möglich unangetastet zu lassen, um eine derartige Preisexplosion bei Gas zu vermeiden. Dies auszuloten wäre jedenfalls die wahre diplomatische Herausforderung in den Gesprächen mit Putin am extralangen Tisch gewesen.

Vielleicht wäre Putin auf folgenden Deal eingegangen: Du kannst die Ukraine angreifen, wenn Du meinst, dies unbedingt tun zu müssen, aber wir werden Dich dort mit aller Macht bekämpfen. Andererseits könnten wir die traditionellen Wirtschaftsbeziehungen zum Vorteil beider Seiten unangetastet lassen. Haben das die USA, Makron und Scholz je ausgelotet? Dieser Zwitter wäre natürlich keine moralisch vertretbare Lösung gewesen. Aber sind Politik und Kapitalismus je eine solche gewesen?

So nun muss man zu einer bitteren Bilanz kommen. Die Sanktionen gegen Russland wirken zwar und treffen die russische Wirtschaft sowie die Bevölkerung, während hingegen das Einkommen Russlands aus dem Gasgeschäft gestiegen ist. Russland wird den Krieg gegen die Ukraine offensichtlich weiter gut finanzieren können, während der Westen die gestiegenen Energiepreise und die Unterstützung der Ukraine aus der eigenen Tasche und durch Kreditaufnahmen bezahlen muss. Diese Bilanz geht kurzfristig eindeutig zu Gunsten Russlands aus. Langfristig wird der Krieg mit welchem Ausgang auch immer zu Ende gegangen sein und der Schaden für die gesamte russische Wirtschaft wird ein hoher sein. Jener für den Westen und seine Klimapolitik aber auch.

Klimapolitik im Dilemma

Solange man den Umstieg von fossilen Brennstoffen auf alternative Energien nicht hinbekommt, solange braucht man klimaschädliches Erdgas. Russisches Erdgas wäre ohne der radikalen Ausstiegspolitik vermutlich nicht nur wesentlich billiger geblieben, sondern vor allem klimaverträglicher. Der Ersatz durch LNG ist hingegen für den Geldbeutel und das Klima der reinste Schadstoff.

Zu den höheren Kosten aus dem Gaseinkauf gesellen sich enorme Investitionsausgaben für den Bezug von LNG in Form von zusätzlich notwendigen Tankern, Anlandestellen und neuen Versorgungsnetzen. Laut des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik bräuchte es künftig um das fehlende russische Gas mit LNG-Tankern anzulanden 160 neue Tanker mit einem Investment von 35 Milliarden US-Dollar. (Quelle). Hinzu kommen die Kosten für die neuen LNG-Terminals (etwa 7 Mrd. Euro pro Terminal) und die Kosten in unbekannter Höhe für ein Gasfernleitungsnetz von den Anlandestellen an den Küsten bis ins Landesinnere.

Klimapolitik droht zu scheitern, LNG Zukunft
Quelle: Europas LNG-Zukunft: Viel Geld für nichts?, DW mit Bezug auf das Original von “Global Energy Monitor, Gas Infrastructure Europe (GIE)”

Investitionen müssen sich amortisieren, wenn sie wirtschaftlich sinnvoll sein sollen. Wenn die Investitionen, zu denen noch etliche weitere, wie z.B. die Beteiligung an Erschließungskosten neuer Erdgasfelder in Ghana hinzukommen, sich rechnen sollen, dann werden Länder wie Deutschland und Österreich noch weit über zehn Jahre LNG und Erdgas einkaufen und CO2 in die Atmosphäre ausstoßen. Der Pfad zur Einschränkung des CO2-Ausstoßes für ein Klimaziel von nur 2°C-Erwärmung ist damit verbaut. Gibt man hingegen dem Klimaziel die Priorität, so sind die Investitionen wegen zu kurzer Laufzeiten nichts anderes als massive Geldverschwendung.

Alternative Klimapolitik

Um diesem unausweichlichen Dilemma zu entkommen, verweisen Regierungsvertreter (allen voran die Grünen) bei ihrer Klimapolitik auf die Macht des Grünen Wasserstoffs, der alle Schwierigkeiten ausgleichen werde. Die Investitionen in Transportschiffe und Netze wären nicht verloren, denn die Anlagen könnten weiter genutzt werden. Dieses Mantra hat jedoch zu viele Gegenargumente. Weder löst es das aufgezeigte Dilemma noch ist die Umstellung von LNG auf – vor allem Grünen – Wasserstoff geklärt. Die LNG-Anlagen sind für Wasserstoff nicht geeignet und die Sonnen- und Windenergie in größten Teilen Europas nicht ausreichend für die Erzeugung Grünen Wasserstoffs. Die Kosten für die Umrüstung bestehender Logistik und neuer Anlagentechnik liegen erneut im mehrstelligen Milliardenbereich.

So spricht UN-Generalsekretär António Guterres im Kontext mit LNG von „Dummen Investitionen, die zu Milliardenbeträgen an wertlosen Vermögenswerten führen“.

In zwei Reports europäischer Denkfabriken wie der deutschen Agora Energiewende und E3G rechnen Wissenschaftler vor, wie Europa innerhalb von „einem bis vier Jahren“ seinen Gasbedarf reduzieren und von Russland unabhängig werden könnte. 20 Prozent ließen sich durch eine Umsetzung des EU-Kommissions-Plans Fit for 55 ersetzen. Weitere 45 Prozent könnten durch Wärmepumpen, Dämmungen und einen Ausbau der grünen Energien erreicht werden. Lediglich ein Drittel müsse noch aus anderen Staaten importiert werden. Für diese 50 Milliarden Kubikmeter Gas reiche die vorhandene Infrastruktur aus. (aus der Quelle, wie zuvor).

Die Mär der Klimapolitik vom grünen Wasserstoff

Wasserstoff gilt als ein Treibstoff der Zukunft, der als Grüner Wasserstoff umweltfreundlich und klimaverträglich ist. Darüber besteht kein Zweifel und so ist der Umstieg auf eine wasserstoffgetriebene Energiewirtschaft richtig und notwendig. Die Voraussetzung dafür ist, dass es ausreichend erneuerbare Energie für die Elektrolyse zur Erzeugung des Grünen Wasserstoffs gibt. Genau daran mangelt es aber in mittel- und nordeuropäischen Ländern, so dass die Produktion Grünen Wasserstoffs nur in sonnen- und/oder windreichen Regionen erfolgen kann.

Das heißt, in Ländern wie Spanien oder Ägypten und in weiten Teilen Afrikas müsste der Wasserstoff produziert, zu den Verbrauchern transportiert und dort bis zum Verbrauch gespeichert werden. Weitere gigantische Investitionen sind dafür notwendig, die den Zwischenschritt mittels der LNG-Versorgung höchst zweifelhaft machen. Da es aber unmöglich ist, kurzfristig eine Wasserstoffwirtschaft im benötigten Umfang aufzubauen, wird der Weg in der Realität über eine lange Phase klimaschädlicher LNG-Nutzung führen.

Die Mär vom Grünen Wasserstoff liegt nicht in einem fehlenden Nutzen, sondern im Widerstand der Erdgasproduzenten, in der späten Verfügbarkeit und den hohen Investitionen. Der Grüne Wasserstoff wird eines Tages kommen und das LNG ersetzen. Aber wann? Denn momentan setzt die Industrie noch alles daran, dass Wasserstoff aus Erdgas kommt und nicht aus erneuerbaren Energien.

Fusionsenergie

Die Welt spricht schon fast euphorisch von einer Revolution der künftigen Energieversorgung durch Kernfusion. Dass es erstmals gelungen ist, im Kern des Prozesses mehr Energie zu erzeugen als einzuspeisen, gibt allen Wissenschaftlern die Zuversicht auf eine neue Ära der Energieversorgung. Berücksichtigt man jedoch die Gesamtbilanz von Energieeinsatz und Energiegewinnung von etwa 100:1, dann liegt noch ein weiter Weg vor einer industriellen Nutzbarkeit. Noch verbraucht das Aufheizen der Laser 99 Prozent dessen, was aus dem Fusionsprozess herauskommt.

LNG, Wasserstoff, Fusionsenergie

In jedem Fall warten riesige Investitionen auf die Menschheit. Zuerst für die Energieversorgung mittels LNG, dann durch Grünen Wasserstoff und eines Tages aus Fusionsenergie. Ob dieser Weg reichen wird, die Klimaerwärmung in einem noch erträglichen Bereich zu halten, weiß niemand und es ist eher zu bezweifeln.

Insofern ist allen Heilsversprechen der PolitikerInnen grundsätzlich kein Glaube zu schenken. Mit Blick auf einen zu teuren und zu lang dauernden LNG-Betrieb droht die Klimapolitik für einen ausreichenden Klimaschutz sogar zu scheitern.