Little Yellow Boots

zuletzt geändert am 08.09.2022

John Websters Film „Little Yellow Boots“ klingt mit einem hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft seiner Enkelin Dorit (*2063) aus. Die Kernaussagen des Films führen aber zu einem anderen Schluss, so wie auch die Entwicklung der Jahre seit 2018, als dieser Film entstand.

Erstens: Im Film wird bereits von einem Temperaturanstieg von 2°C ausgegangen, und nicht von den angestrebten 1,5°C. Swiss Re geht von einem Anstieg des Meeresspiegels um 1 m in diesem Jahrhundert aus. Weltweit erscheinen die Risiken daraus weniger dramatisch als oftmals kolportiert. Kathies Seychellen (siehe unten) sind nicht etwa von der Landkarte verschwunden wie man gemeinhin denken wollte, sondern weit weniger stark betroffen als beispielsweise die Anliegerstaaten der Nordsee. Generell ist festzustellen, dass die Überflutung von Landmassen bei steigendem Meeresspiegel nur dann gravierend zunimmt, wenn das Land wie in Pakistan extrem tief liegt. Das belegt ein Check von 1 m gegenüber 3 m gestiegenem Meeresspiegel mit dem Coast Risk Screening Tool eindrucksvoll. Die Seychellen sind eher wenig, Pakistan aber massiv betroffen.

Rot markiert: Überflutungsgebiete bei einem um 1 m erhöhten Meeresspiegel.
Quelle: Climate Central, Coast Risk Screening Tool, License

Zweitens: Manfred Milinski belegt im Film anhand eines Tests die Unfähigkeit der Menschen, gemeinsam ein Ziel zu erreichen, wenn eigene Interessen konträr wirken. Das heißt, die Weltgemeinschaft wird das Ziel der Rettung des Klimas verfehlen, weil Staatsinteressen wichtiger sind. Milinski hat keine Hoffnung, dass sich das menschliche Verhalten ändern könnte und setzt seine Hoffnung auf die Physik. Vielleicht gelingt es den Menschen durch Innovationen, dem verzweifelten Dilemma zu entgehen und das Klima noch zu retten.

Drittens: Der US-Klimaforscher James Hansen macht deutlich, dass selbst eine noch viel größere Schar von Klimaaktivisten nicht ausreicht, um die Klimaziele zu erreichen. Wenn nicht alle mitmachen, ist das Problem nicht zu beseitigen und das Problem ist nur zu beseitigen, wenn der Preis für CO2 rigoros steigt – oder die Menschheit gegen die Wand gefahren ist. Das Bewusstsein, handeln zu müssen, ist bei den meisten Menschen jedoch gar nicht vorhanden.

Das nüchterne Resultat aus Little Yellow Boots

Die Bewegung der Klimaaktivisten ist im Kern großartig, aber in ihrer Wirkung fast bedeutungslos. Wenn eine von ihnen, Kathie, mit ihrer eindrucksvollen Rede vor der UNO stehende Ovationen auslöste, so ist das emotional überwältigend. In ihrer Wirkung ist es der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Momente später ist er verdampft. Für einen Moment hatte sich der Panzer der Politiker und Beamten durch Kathies Rede geöffnet. Am nächsten Tag war er sicherlich schon wieder fest geschlossen.

Und so stimmt der Film, trotz der vielen sympathischen Darstellungen, in letzter Konsequenz extrem ernüchternd. Die Menschheit und die Politik sind unfähig, die notwendigen Maßnahmen zur Klimarettung zu setzen. Die Entwicklung der Jahre seit 2018 ist ein Stück Beweis dafür, denn unter dem Strich hat man keine Fortschritte in der Bekämpfung der Klimakrise erzielt.

Verzweiflung

An einer Stelle spricht der Film das Thema Verzweiflung an. Verzweiflung wäre der schlechteste Dienst, den man Menschen erweisen könnte. Politiker in erster Linie, aber auch alle Menschen, die kein Bewusstsein für den Ernst der Lage haben, erweisen diesen Dienst und stiften Verzweiflung über die Unfähigkeit. Man muss verzweifeln, wenn man an die Konsequenzen aus dieser Gleichgültigkeit denkt. Dorit und ihre Generation wird in großen Teilen keine lebenswerte Erde mehr vorfinden.

Verzweiflung kann nur einen einzigen positiven Wert besitzen, nämlich wenn sie den notwendigen Widerstand zur Wehr auslöst. Ob daraus jene Innovationen entstehen, durch die das Klima der Erde letztlich noch zu retten ist, oder ob der Widerstand den Menschen die Kraft gibt, auf einer verdorrenden Erde zu überleben, sei dahin gestellt. In jedem Fall wird es ein Kampf um das Überleben, vor dem kommende Generationen stehen werden und den sie bestehen müssen.

Wenn man diesen schönen Film gesehen hat, so möchte man gerne sagen, hoffentlich irrt man. Denn es ist großartig, was Einzelne tun und erreichen, selbst wenn es für die Gesamtheit der Welt nicht reicht. Solange nicht alle Politiker zu Umweltaktivisten werden, solange wird Klimaschutz unzureichend bleiben. Solange nicht alle die Grenzen des Wachstums verinnerlicht haben, solange ist das Ziel nicht zu erreichen. Die Menschheit hat kein Empfinden dafür, dass sie mit voller Fahrt auf eine Wand zurast. Die Wand existiert nicht in den Köpfen und zwingt nicht zu bremsen, um die Kollision zu vermeiden.

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