Pazifismus, ein historischer Irrtum?

zuletzt geändert am 21.06.2022

Nein, der Pazifismus ist kein historischer Irrtum, sondern lebensnotwendig. Aber ein Antikriegsmittel ist er auch nicht. Warum?

Über den Pazifismus diskutierten Armin Thurnher und Michael Fleischhacker in der Kleinen Zeitung vom 02.04.2022. Es sei zugestanden, dass die Kleine Zeitung weder das adäquate Forum, noch zwei knappe Seiten der Zeitung den ausreichenden Platz für eine ausführliche Diskussion bieten. Wirklich zwingende Argumente liefern die abgedruckten Meinungen nicht. Und so lässt die so behandelte Frage, „War der Pazifismus ein historischer Irrtum?“, den Leser eher unbefriedigt zurück.

Also nochmals: „War der Pazifismus ein historischer Irrtum“?

Allein schon die Wahl der Vergangenheitsform für die Frage ist ein Irrtum. Der Pazifismus war nicht, sondern ist und wird – Gott sei Dank – immer sein und bleiben. Unter Pazifismus versteht man im weitesten Sinne eine ethische Grundhaltung, die den Krieg prinzipiell ablehnt und danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften Frieden zu schaffen. Was daran soll die Menschheit, oder wenigstens große Teile dieser, davon abhalten für Pazifismus einzutreten und für Frieden zu kämpfen? In der menschlichen Bedürfnispyramide steht das Sicherheitsbedürfnis mit der Elementarfunktion zum Erhalt des Lebens im Zentrum menschlichen Trachtens. Insofern ist Pazifismus nichts anderes als der Ausfluss menschlichen Sehnsucht und Zielsetzung nach Schutz dieses Bedürfnisses.

Somit ist Pazifismus weder vergangen noch ein Irrtum, sondern eine menschliche Lebensnotwendigkeit!

Kampf Pazifismus – Bellizismus

Warum erlebt die Welt seit ihrem Bestehen trotz des Wunsches der Menschen nach Erhalt ihres Lebens und ihrer Sicherheit dennoch permanent Krieg?

Es ist ein Missverständnis zu glauben, dass es auch einen „Krieg“ zwischen Bellizismus und Pazifismus geben könnte. Keine der beiden Ideologien wird je die andere besiegen. Sie stehen einander unvereinbar und unversöhnlich gegenüber. Die einzige Chance, die sie haben, ist, ihre Gegner vom Irrtum ihrer Meinung zu überzeugen. Dies vor allem muss der Pazifismus leisten, wenn die Welt friedlicher werden sollte.

Bedauerlicherweise findet diese Überzeugungsarbeit nicht zwischen gleichrangigen Kräften statt, die einander auf gleicher Ebene begegnen. Bedauerlicherweise stehen die Pazifisten unten und die Bellizisten oben. Und oben bedeutet Macht haben, so wie unten bedeutet, fast machtlos zu sein. Fridays for Future steht unten und hat es nicht in der Hand, gegen die da oben gleichrangig kämpfen zu können. Es handelt sich immer um einen asymmetrischen Kampf! In einer Demokratie führt solche Auseinandersetzung durchaus zu Änderungen im Verhalten der da oben. In einer Diktatur und autokratischen Systemen ist dies gleichbedeutend mit Selbstmord. Siehe Sophie und Hans Scholl im NS-Reich Hitlers, siehe Nawalny in Putins Reich, siehe inhaftierte Journalisten in der Türkei, siehe Protassewitsch in Weißrussland, usw. usw. … Die Liste ist endlos und überdeckt die Jahrhunderte.

Und so münden wir in der Frage, warum weder Alexander der Große, Julius Cäsar, Karl der Große, Napoleon, Hitler, Assad, Erdoğan oder Putin vom Pazifismus überzeugt werden können? Denn sie sind die Bellizisten. Aus ideologischer Überzeugung? Ideologie spielt für undemokratische Machthaber nicht die geringste Rolle in ihrem Selbstbewusstsein, sondern ist nur das Rahmenprogramm für die Inszenierung ihres Egoismus und ihres Machtanspruchs.

Machtanspruch und Egoismus

Das soziale Bewusstsein von Menschen entsteht in der Umgebung, in der sie aufwachsen, und aus den Erfahrungen und Erlebnissen, die sie während ihres Erwachsenwerdens sammeln. Sie prägen die soziale Struktur im Kopf jedes Individuums. Die oben genannten sind in keiner Umgebung aufgewachsen, die ihnen sozialen Umgang und Pazifismus gelehrt hat, sie lernten das Gesetz der Faust und das des Stärkeren. Dies ist die Quelle unseres Übels, das in die fortwährende Geschichte der Kriege mündet.

Machthaber wie Putin haben überhaupt kein Interesse an Pazifismus. Ihr Bewusstsein ist indoktriniert von dem Wahn, Macht zu besitzen und uneingeschränkt ausüben zu können. Genau mit dieser Erkenntnis und in dieser Situation tritt die harte Konsequenz zu Tage, dass Pazifismus kein adäquates Gegenmittel bietet, sondern nur Kampf und Krieg als Widerstand taugen, wenn nicht Unterwerfung die Alternative sein soll. Pazifismus ist kein Kriegsmittel, Pazifismus ist eine Weltanschauung, die Machthabern fremd ist.

Die überfallene Ukraine muss sich kriegerisch wehren, wenn sie keine Unterwerfung will! Der Pazifismus stirbt damit nicht und ist kein historischer Irrtum. Aber es war ein Irrtum, daran zu glauben, man könne Putin und Pazifismus vereinen.

Eine friedlichere Welt

Das Leid der Menschen, die in der Ukraine getötet, vom Bombenhagel terrorisiert oder aus ihrem Land vertrieben werden ist grenzenlos – und wird von den Medien bedient.

Die Hoffnung auf eine friedlichere Welt ist engbrüstig und vage. Der Pazifismus wird sie so lange nicht erreichen, solange er sich „nur“ als ideologische Grundhaltung versteht, da diese nie in die Köpfe der Machtbesessenen eindringen kann. Der Pazifismus hätte nur dann eine segensreiche Wirkung, wenn er das Erwachen von Machtanspruch beeinflussen könnte. Das allerdings bleibt ein Traum und unter dieser These könnte man den Pazifismus wieder als Irrtum gelten lassen.

Die Welt wird nie friedlicher werden, solange sie Menschen aufwachsen lässt, die Macht und Gewalt als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele ansehen und beanspruchen. Die Welt bleibt im Krieg und die Menschen leiden.

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