09.12.2022

Überleben


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Leitartikel

Kann die Menschheit überleben und das Jahr 2100 noch in Wohlstand und gesund erleben oder wird das Erdleben zur Qual? Richtig ist aber auch, dass es nicht nur um unser Überleben geht, sondern um eine nachhaltigere Welt im Ganzen.

WissenschaftlerInnen haben bewiesen, dass das Wachstum der Menschheit nicht wie bisher fortsetzbar ist, wenn es nicht zu einem Kollaps des Systems Erde kommen soll. Seit Jahrzehnten beutet der Mensch die Ressourcen der Erde übermäßig aus. Die Entwicklung der Menschheit ist nicht mehr nachhaltig. Daher beschlossen 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen im September 2015 die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Sie verpflichteten sich, auf die Umsetzung von 17 Zielen bis zum Jahr 2030 hinzuarbeiten. Aber das heißt, sie verpflichteten sich nicht auf die Umsetzung selbst, sondern „nur“ darauf hinzuarbeiten.

17 Ziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung

Überleben, Ziele nachhaltiger Entwicklung
Bild 1: SDG indicators: goal by goal, Quelle, Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) licence,

Earth4All

Eine Gruppe führender Wirtschaftsdenker und Wissenschaftler verfolgt – basierend auf dem Earth4All-Modell – einen etwas anderen Weg. Für Earth4All sind als Ergebnis der Modellrechnungen fünf außerordentliche „Kehrtwendungen“ notwendig, um das Wohlergehen der Weltbevölkerung zu sichern. Die Änderungen betreffen: Armut, Ungleichheit, Ermächtigung der Frauen, Ernährung und Energie. Diese fünf Anforderungen korrespondieren nicht eins zu eins mit den 17 Zielen nachhaltiger Entwicklung. Sie stellen eher einen neuen Handlungsrahmen für gesellschaftliche Veränderungen dar.

Überleben, CO2-Ausstoß
Bild 2: entnommen dem Buch Earth4All, oekom Verlag, Seite 182

Die von Earth4All im Rahmen der Energiekehrtwende geforderte vollständige Elektrifizierung wäre der Schlüssel zur Reduktion des CO2-Austoßes und damit zur Bekämpfung der Klimaerwärmung. Eine massiv bessere Reduktion des CO2-Ausstoßes würde durch die Kehrtwendung (Giant Leap) erreicht und damit sichergestellt, dass die Erderwärmung nicht über 2°C anstiege. Die Modellrechnungen von Earth4All zeigen leider auch, dass bei einem „Weiter so“ (Too Little To Late Szenario) die Erderwärmung im Jahr 2100 „nur“ auf etwa 2,35°C anstiege. Die Differenz zwischen Kehrtwendung und „Weier so“ erscheint so marginal, dass der Antrieb für eine Kehrtwendung ziemlich gering bleiben dürfte. Zudem steht diese Prognose im Gegensatz zu anderen, die von höheren Risiken ausgehen (siehe Klima).

Chance der Menschheit zu überleben

Man kann das gesamte Buch Earth4All uneingeschränkt gut heißen und man kann praktisch alle Forderungen zu den fünf Kehrtwendungen nachvollziehen, aber am Ende beschleicht einen Verzweiflung. Wie soll, das an Sozialromantik erinnernde Programm in einer Welt zu schwacher oder zu egoistischer politischer Führer, widerstreitender Parteien, profitgetriebener Manager, Rendite heischender Investoren einer überbordenden Finanzwelt und ineffektiver Weltorganisationen erfolgreich umgesetzt werden? Es müsste ein Wunder passieren. Weil Wunder aber nicht eintreten, wird die Menschheit den bitteren Weg gehen müssen und erst zur Besinnung kommen, wenn den letzten Übergebliebenen das Wasser bis zum Hals reicht. Erst wenn die Schmerzen unerträglich geworden sein werden, wird es zu einem Umdenken kommen. Ob die Lebensbedingungen dann noch für ein Überleben ausreichen werden, ist ungewiss.

Ob es möglich sein wird, die Ziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und die Empfehlungen von Earth4All generell und rechtzeitig zu realisieren, bleibt offen. Man kann nur hoffen, dass es jene entscheidenden Fortschritte geben wird, die der Menschheit einen guten Weg in die Zukunft ebnen.

Persönlich neige ich bei der Beurteilung der Chancen zu einer pessimistischen Einschätzung. Der Hauptgrund liegt in dem Umstand begründet, dass weder die 17 Ziele noch die fünf „Kehrtwendungen“ den Nagel auf den Kopf treffen, dass unserer Erde eventuell der Untergang droht. Und ich möchte dies unmissverständlich und äußerst brutal an zwei lebensbedrohlichen Einflüssen – Hunger und Klima – deutlich machen.

Hunger

Im Jahr 2021 waren bis zu 828 Millionen Menschen unterernährt. Wieviele Millionen 2022 von akuter Hungersnot bedroht und zum Tode verurteilt sind, ist nicht eruierbar. Allein in Somalia werden es durch die neuerliche Hungersnot mehr als 260.000 Tote sein. Die Brutalität dieses Dramas liegt darin, dass wir um die Not wissen, aber viel zu wenig dagegen tun. Die reichen Länder lassen es zu, dass Millionen von Menschen verhungern. Weiter in der Brutalität: und die genug zu essen haben, leben ungeniert und zufrieden weiter. Sie überleben! Noch brutaler: je mehr Menschen verhungern, desto besser überlebt der Rest.

Hunger lässt die Welt nicht untergehen.

Klima

Steigt die Klimaerwärmung weiter an und steigt sie um nicht mehr auszuschließende 5°C gegenüber 1980, so trifft das nicht „nur“ ein paar Millionen irgendwo auf der Erde, sondern die Klimakatastrophen treffen die ganze Welt und die gesamte Menschheit. Die Ausrottung der Spezies Mensch ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine im Extremfall real existierende Bedrohung.

Klimaerwärmung kann das Leben auf dieser Welt untergehen lassen (siehe Klima).

Fokussierung auf das Überleben

Es ist notwendig, zwischen sozialen und vernichtenden Einflussgrößen zu unterscheiden.

Soziale Einflussgrößen sind solche, die das Leben der Menschen ungerecht, ungesund, unsozial, ungebildet, unfrei und bedrückend machen. Solches nicht zuzulassen, sondern durch eine verantwortungsbewusste Politik zum Wohl der gesamten Gesellschaft zum Besseren zu verändern, das muss das unstrittige Ziel sein und ist in der Agenda 2030 und in Earth4All als Aufgabe klar beschrieben.

Diese sozialen Einflussgrößen müssen jedoch scharf abgegrenzt stehen von den vernichtenden Einflussgrößen, die unsere Erde zerstören können. Das sind nur zwei, von allerdings ungeheurer Wucht: die Klimaerwärmung und der Verlust der Biodiversität. Beide finden ihre Ursache in der Überschreitung der Grenzen des Wachstums. Und daher sollte sich die Menschheit Prioritäten setzen, statt sich in 17 Zielen mit 169 Punkten zu verzetteln und diese noch durch fünf Kehrtwendungen mit 15 großen Herausforderungen aufzuladen.

Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche! Konzentrieren wir uns darauf, die Klimaerwärmung radikal zu bremsen und die Biodiversität zu retten. Konzentrieren wir uns auf unser Überleben! Nicht statt der anderen Ziele, sondern mit dieser Priorität. Vielleicht haben wir damit noch eine winzige Chance, die Welt zu retten.


Über das Klima:


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